Im Land der begrenzten Möglichkeiten: Der Countdown

Wer gibt schon freiwillig seine Green Card zurück? Ich habe es getan. Ich war nach New York gezogen, um mir einen Lebenstraum zu erfüllen – und prallte auf eine Wirklichkeit, die nur wenig mit meinen Vorstellungen gemein hatte. Ein Auszug aus meinem Buch Im Land der begrenzten Möglichkeite: Einmal New York und zurück zum 250. Geburtstag der USA.

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NEW YORK, NEW YORK: EIN ABGESANG

Als ich nach acht Monaten für einige Wochen nach New York zurückkehrte, wies mein Flugticket eine geheimnisvolle Markierung auf, die mir prompt eine Sonderbehandlung einbrachte: Ich wurde in eine separate Schlange gebeten und beim zweiten Securitycheck von oben bis unten abgeklopft, um sicherzugehen, dass ich nicht aus Versehen einen Sprengstoffgürtel unter dem T-Shirt trug.

„Hat Ihnen das niemand gesagt?“, wollte der Grenzbeamte wissen. Er trug den strafenden Blick eines Schulmeisters zur Schau, der zur Hochform aufläuft, wenn er weiß, dass er im Recht ist. „Acht Monate“, sagte er bedeutungsvoll, „sind eine lange Zeit.“ Nach der Logik der Behörden muss der Lebensmittelpunkt in den Vereinigten Staaten liegen, wenn man die Green Card behalten will. Seine blauen Augen funkelten überlegen, während er mit meiner Karte in der Luft wedelte, als wollte er ihr die bösen Geister austreiben: „You might be losing this!“

Das größte Manko Amerikas besteht darin,
nicht Europa zu sein.

Natürlich hätte ich beichten können, dass ich eine längere Auszeit in Berlin gebraucht hatte, wo die Dinge so viel leichter waren als hier. Ich hätte ihm auseinandersetzen können, dass ich mit dem Land fremdelte. Immer wieder wägte ich das Für und Wider beider Kontinente ab und jonglierte mit den Argumenten, als wären sie glühende Kohlen. Wie sich gezeigt hatte, macht es einen Unterschied, ob man New York City eine Stippvisite abstattet – oder ob man dort wohnt. Ich wollte keine andere Stadt als New York – aber in New York konnte ich nicht bleiben. Das größte Manko Amerikas besteht darin, nicht Europa zu sein – ein Konstruktionsfehler, der sich kurzfristig nicht beheben lässt.

Diese Überlegungen verschwieg ich dem Grenzhüter. Er ließ mich nach seiner Belehrung passieren, konnte sich aber ein Kopfschütteln nicht verkneifen. Was er nicht wusste: An diesem Morgen um sechs, nach den schlaflosen Stunden vor dem Abflug, hatte ich bereits eine Entscheidung getroffen.


GEBORGTE ZEIT

Die flirrende Schwüle des Tages hängt noch in der Luft. Seit dem Sonnenaufgang bin ich in Midtown unterwegs. Erschöpft setze ich mich auf eine Holzbank in einer kleinen Gartenanlage – eine grüne Oase inmitten von Altmetall, Müll und dem Geruch von Urin. Es dämmert bereits, als ich das Wasserperlen eines Rasensprengers höre und mit den Augen den Wucherpflanzen folge, die an den schwarz lackierten Feuerleitern hochranken.

Ich bin für jeden Luftzug dankbar, der sich hierher verirrt. Wie eigenartig, kein richtiges Ziel zu haben. Ich trete auf die langgezogenen Schatten der Entgegenkommenden. Am ovalförmigen Union Square tummeln sich mehrere tausend Besucher – ein irrlichterndes Sammelbecken, auf dessen Stufen Müßiggänger aus allen Himmelsrichtungen abhängen. Um mich abzukühlen, war ich gerade im ausladenden Biomarkt gewesen, der mit schamlosen Preisen aufwartete, bei denen man zweimal hinschaute und dann doch lieber die Hände tief in den Hosentaschen ließ. Die Wartenden stauten sich scheinbar kilometerweit vor dreizehn Kassen.

Brooklyn

In der Obstabteilung angelte sich eine Frau mit grauen Haaren eine Birne aus nachhaltigem Anbau und biss herzhaft hinein. Ihre abgegriffene Kleidung verriet, dass sie nicht unbedingt zur Stammkundschaft gehörte. „Die sind wirklich gut“, bemerkte sie mit hochgezogenen Brauen, als unsere Blicke sich trafen.

Da ich nicht wie ein Kaufhausdetektiv aussah, entwickelte sich ein Gespräch, während sie kauend nach den Trauben griff. Weil sie sich den Laden eigentlich nicht leisten konnte, aß sie sich der Einfachheit halber direkt vor Ort satt. Sie schälte noch eine Mandarine und schob zwei Bioaprikosen hinterher. Zum Abschluss reihte sie sich mit einem winzigen Schokoriegel für den Nachtisch in eine Schlange ein.

Die Reiterstatue George Washingtons im Rücken, nippe ich an meinem Grande Americano, ein doppelter Espresso im Pappbecher, der großzügig mit Wasser verdünnt ist und genauso schmeckt, wie er serviert wird: nach heißer Pappe. Gleich nebenan erstreckt sich der Greenmarket, wo Farmer ihre Produkte zu aberwitzigen Preisen feilbieten. Am Rand des Platzes steht ein dunkles Gebäude, auf dessen Fassade die Kunstinstallation Metronome prangt. Die fünfzehn Ziffern auf dem riesigen Display huschen schneller vor- und rückwärts, als das Auge sie fassen kann – eine rastlose Buchführung der Stunden und Sekunden seit und bis Mitternacht. Für mich ist es der Countdown meiner verbleibenden Zeit in der Stadt.


PUSHING YOUR AGENDA

Alles in Ordnung?“ Eine junge Frau hat mich aus meinen Gedanken gerissen. Sie kreuzt die Beine, als sie auf der Stufe neben mir Platz nimmt. Ihr rundes Gesicht ist auffällig geschminkt, ihr T-Shirt leuchtet so grün wie ihre Augen. Zoey verwickelt mich augenblicklich in ein Gespräch, so als hätte ich nichts Besseres zu tun. Zufälligerweise habe ich tatsächlich nichts Besseres zu tun. Als hätte ich nur auf sie gewartet, schütte ich ihr ohne Umschweife mein Herz aus.

Ich lasse mich über meine Liebe zu Amerika im Allgemeinen und New York im Speziellen aus, die mehrere Jahrzehnte zurückreicht. Ich berichte von den vielen Menschen, die meinen Weg kreuzten: von leidensfähigen Illustratorenkollegen, melancholischen Bühnenbildnern und verkannten Schriftstellern; von selbsternannten Künstlergenies, einer Hundeporträtmalerin, den Journalisten der Emigrantenzeitung „Aufbau“, dessen erster Zeichner seit 1934 ich wurde, und hartnäckigen Meinungsmenschen, die auf Partys lautstark ihre agenda pushen.

Beruflich war die Rechnung aufgegangen.
Doch zu welchem Preis?

Ich schildere ihr bitchy Chefredakteure, die den Europäer schon an der Nasenspitze erkannten, aber auch den herzlichen Art-Direktor einer großen Tageszeitung, der mich kurzerhand zu seiner Familie nach Boston einlud. Ich lernte gerissene Hobbyimmobilienhaie und Merengue-spielende Nachbarn von ihrer taktlosesten Seite kennen, traf pathologische Messies und unverwüstliche Überlebenskünstler – und einmal sogar den Pianisten eines Kreuzfahrtschiffs.

Ich hatte Dinge gesehen, die in keinem Reiseführer standen, und Lektionen erteilt bekommen, die man für kein Geld der Welt hätte kaufen können. Mit der Zeit kamen auch Aufträge von Zeitungen und Zeitschriften, an die zuvor nicht im Traum zu denken gewesen war. Beruflich war die Rechnung wohl aufgegangen. Doch zu welchem Preis?

„That’s some heavy thinking“, findet Zoey und kringelt eine Haarsträhne. Ihrer Ansicht nach befinde ich mich mit meinen Zweifeln allerdings in guter Gesellschaft. Denn viele New Yorker wägen täglich ab, ob das Verhältnis noch stimmt. Meine Augen brennen vom Staub der Großstadt. In der braunen Papiertüte neben mir liegt eine angebrochene Flasche Budweiser Lager wie ein Vorwurf. Wir teilen uns eine Knish, eine fettige Teigtasche mit einer Füllung aus gewürztem Kartoffelbrei von Yonah Schimmel’s, die ich nie wieder kaufen werde.

Unter den Füßen spüren wir das Grummeln der Subway,als ich über den Hang zum Pragmatismus jammere, der mich fasziniert und mir gleichzeitig den letzten Nerv raubt. Mich ausgerechnet gegenüber einer völlig Fremden in Binsenweisheiten auszulassen, war bestimmt kein Ruhmesblatt. Ich konnte nicht anders, sie brachen einfach aus mir heraus. Zoey war für diesen Abend meine Seelsorgerin, die meiner ungefilterten Gemütslage lauschte. Über sie selbst erfuhr ich nur wenig, weil ich vergessen hatte nachzufragen.


WIMMELBILD

Ich lasse die Augen über das aufgeregte Wimmelbild der Menschenmassen wandern. An weißen Plastiktischen tragen Schachspieler ihre Partien aus. Ein Student im Minirock, mit schillerndem Top und blauem Haar, kommentiert bedächtig die Züge; neben ihm ein Schnauzbartträger mit Tropenhelm und ein achtjähriges Wunderkind mit auf dem Rücken verschränkten Armen. Aktivisten demonstrieren gegen die Staatsverschuldung, den Klimawandel und stellen in einem Schilderwald den Kapitalismus an den Pranger.

Eine Suppe zu kochen ist bekanntlich eine völlig andere Sache, als sie auszulöffeln. Es ist nicht so, dass man mich nicht gewarnt hätte: Für New Yorker ist es nahezu unmöglich, sich ihre eigene Stadt leisten zu können. Ich gab im Monat spielend das Drei- bis Vierfache dessen aus, was ich in Berlin zahlte, und hätte nicht für möglich gehalten, wie wenig man in New York dafür bekommt.

Fifth Avenue

Zoey teilt sich ein „Apartment from Hell“ bei einem der berüchtigten slumlords. Bei jedem Scheck, den er sich in die Tasche stecke, sagt sie, lache er sich ins Fäustchen. Sie stützt den Kopf in die Hand. Es klingt eigentümlich versöhnlich. In New York scheint das gemeinsame Elend der Klebstoff zu sein, der verbindet.

Schon wieder so eine Sentenz.
Dieser unerschütterliche Pragmatismus.

Plötzlich bin ich wieder hin- und hergerissen. New York war mein Traum, dann ein Albtraum. Und jetzt, hier am Union Square mit Zoey, fühle ich mich plötzlich nicht mehr nachtragend. Möglicherweise liegt es am schönen Wetter? Oder gar an ihr? Da soll sich einer auskennen!

Die Entscheidung kann sie mir nicht abnehmen. Aber immerhin hat Zoey einen guten Rat parat: „You can’t change the past, you can only change the future“, sagt sie zum Abschied. Schon wieder so eine Sentenz, denke ich. Und dieser unerschütterliche Pragmatismus. Aber wo sie recht hat, hat sie recht.

In Berlin habe ich noch lange mit mir gehadert. Und mir viel Zeit gelassen. Hätte ich etwas länger durchgehalten, wäre ich heute wohl amerikanischer Staatsbürger.

Stattdessen gab ich ein Jahr später meine Green Card zurück.

Central Park