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Ein Spaziergang durchs Greenwich Village weckt Erinnerungen an meinen Besuch im World Trade Center wenige Wochen vor den Anschlägen – und an den Moment, als mein amerikanischer Traum erste Risse zeigte. Ein Auszug aus meinem Buch Im Land der begrenzten Möglichkeiten: Einmal New York und zurück zum 25. Jahrestag von 9/11.
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LICHT UND SCHATTEN
Ich habe soeben die über die Woche angelaufenen Briefe, Schecks und Belegexemplare in meinem Postfach-Shop im West Village eingesammelt und spaziere die Bleecker Street Richtung Uptown. Die Sonne zeigt zaghaft, wozu sie fähig ist, wenn sie nur will. Der Wind zerzaust mir die Haare.
An der Grove Street überholt mich plötzlich von rechts eine Frau, die an diesem ungewöhnlich warmen Tag einen Mantel und eine Wollmütze trägt. Sie hängt alle Passanten vor mir ab. Ihr Schritt ist entschlossen, der rote Stoff knattert im Wind. Sie weiß den Entgegenkommenden geschickt auszuweichen und wirkt wie alle Menschen in New York, die zwar ein Ziel haben, aber nie genug Zeit, um dorthin zu gelangen.
Etliche Jahre zuvor war ich selbst so durch die Stadt gerannt. Mein Ziel war das World Trade Center gewesen, wo ich eine Verabredung mit einer Kanzlei für meine juristische Online-Zeitschrift hatte, die ich als den Versuch eines zweiten beruflichen Standbeins gegründet hatte. Auf dem Weg in den südlichsten Zipfel Manhattans war ich so spät dran gewesen, dass ich blockweise in der drückenden Schwüle die Beine unter den Arm nehmen musste. Zu allem Überfluss verdichtete sich zwischen den bis zum Bersten gefüllten Straßen auch noch der einsetzende Nieselregen.
Ich denke oft an ihn,
weil mich die Frage nicht loslässt,
ob er am Tag des Anschlags
drei Monate später
an seinem Schreibtisch saß.
Ich muss ein jämmerliches Bild abgegeben haben, als mir ein lachender Mann mit Oberlippenbart und Hornbrille den Weg zu seinem Arbeitsplatz wies. Er trug ein kariertes Hemd und einen Aktenkoffer, über den er sein Sakko geworfen hatte. Ich weiß nicht einmal, warum genau ich mich so präzise an ihn erinnere – wir wechselten nur wenige Worte, keine halbe Minute, eine Zufallsbekanntschaft. Dennoch denke ich oft an ihn, weil mich die Frage nicht loslässt, ob er am Tag des Anschlags drei Monate später an seinem Schreibtisch saß.
BLICK IN DEN ABGRUND
Im Südturm wurde ich in der Empfangshalle in die lange Warteschlange eingegliedert, wo ich wie ein kleiner Ganove fotografiert wurde und einen Besucherausweis umgehängt bekam. Ich hatte mich für den Termin ordentlich in Schale geworfen und trug ein rosafarbenes Businesshemd unter dem anthrazitfarbenen Sakko. Beide Stoffe waren freilich durchtränkt von Regen und Schweiß.
„Ihr Hemd ist falsch geknöpft“, signalisierte mein Gegenüber, als ich dampfend in den Fahrstuhl stieg. Kaum schlossen sich die Türen, surrte er mit unheimlicher Geschwindigkeit nach oben. Man hatte das Gefühl, die Füße befänden sich noch im Erdgeschoss, der Haarscheitel aber sei bereits am Ziel. Mit hochrotem Kopf schaffte ich es gerade noch, das Hemd in Windeseile auf- und richtig herum wieder zuzuknöpfen. Ich bedankte mich wortreich.
Der Gedanke, jeden Moment
hinausstürzen zu können,
war allgegenwärtig. Es gab nichts,
woran man sich hätte festhalten können.
An der Ampel zur Christopher Street muss die Frau mit dem roten Mantel haltmachen, sodass ich sie mühelos einhole, obwohl ich gemächlich unterwegs bin. Wie ägyptische Sarkophage stehen wir Seite an Seite, ohne uns anzusehen. Nur die sich ballende Faust der linken Hand verrät ihre Anspannung. Sobald die Ampel auf Walk wechselt, spurtet sie wieder los und lässt mich hinter sich zurück.
Noch klatschnass von der Sommerhitze hatte mich damals im vierzigsten Stockwerk die Höhe schwindlig gemacht, als mich die deutsche Anwältin herumführte. Die Aussicht konnte einem ohne Weiteres den Atem rauben, wenn man die Menschenpunkte am Boden ausmachte oder den Blick über den Hudson River nach New Jersey verlor. Dabei zog sich der Turm sogar noch siebzig weitere Etagen in den Himmel. Mir fallen die meterhohen, rahmenlosen Fenster ein, die mich in Unruhe versetzten: Der Gedanke, jeden Moment hinausstürzen zu können, war allgegenwärtig. Es gab nichts, woran man sich hätte festhalten können.
Das eiskalte Summen der Klimaanlage trocknete mir die Stirn. Der gewaltige stählerne Koloss schien mal nach links, mal nach rechts zu schwanken. In den Konferenzräumen traf ich zwei Anwälte, die denselben Vornamen wie ich trugen. „Alle Oliver, die ich jemals gekannt habe, sind gerade in diesem Raum“, meinte der eine augenzwinkernd, während der andere mit locker über die Schulter geworfener Krawatte ein Sandwich vertilgte. Wir unterhielten uns über eine mögliche Zusammenarbeit und tauschten am Ende Visitenkarten. Was aus den Kanzleimitarbeitern geworden ist, weiß ich immerhin: Sie haben alle überlebt.

BRÖCKELNDE ILLUSIONEN
Genau drei Monate nach meinem Besuch wurde das World Trade Center 2 von der Maschine der United Airlines 175 getroffen. In den Stockwerken 77 bis 85 riss der Einschlag die Deckenverkleidungen heraus, und die Wände brachen auseinander. Nach dem Anschlag auf den Nordturm siebzehn Minuten zuvor waren zunächst alle angewiesen worden, in ihren Büros zu bleiben – eine Durchsage mit tödlichen Folgen.
Adèle mailte mir eine hastige Nachricht nach Deutschland, bevor ihre Arbeitsstelle gegenüber dem Empire State Building geräumt wurde. Man befürchtete, die Terroristen hätten noch weitere Wolkenkratzer im Visier. Die Anwältin der Kanzlei schrieb mir, sie sei in Sicherheit – ein glücklicher Zufall, denn sie hatte an diesem Tag später als gewöhnlich ins Büro gewollt.
Es war knapp, aber am Bordstein der 10th Street wartet die Frau mit dem roten Mantel bereits neben der Kornelkirsche. Trotz der Wollmütze glänzt kein Tropfen Schweiß auf ihrer Stirn, als wäre der Laufschritt ihr natürlicher Gang. Vielleicht ist sie verabredet und bereits zu spät? Ihre Augen bleiben starr nach vorne gerichtet und geben keinen Aufschluss.
George W. Bushs unseliges
„Either you are with us,
or you are with the terrorists“
erklärte Anhänger abweichender
Betrachtungsweisen mit sofortiger
Wirkung zu Staatsfeinden
Zum ersten Jahrestag der Anschläge hatte ich Ed Koch für einen Beitrag kontaktiert. Der frühere Bürgermeister von New York galt als Institution und tanzte auf sämtlichen Hochzeiten der Stadt. Er hatte sich als leidenschaftlicher Filmkritiker einen Namen gemacht, spielte den Richter in einer Reality-TV-Show und trat in zahlreichen Filmen wie The Muppets Take Manhattan als er selbst auf.
Da er zwar eine E-Mail-Adresse, aber keinen Scanner besaß, schickte mir Ed Koch ein imposantes Porträtfoto per Overnight-FedEx nach München. Mit feierlichem Ernst verfasste er einen patriotischen Text von jener Sorte, wie ihn nur gestandene Amerikaner ohne mit der Wimper zu zucken fertigbringen. Dabei gelang ihm das Kunststück, Godzilla und Dantes Inferno in einem Atemzug zu nennen.
Als hätte er ohne Pause den damals noch jungen Propagandasender Fox News geschaut, zitierte er George W. Bushs unseliges „Either you are with us, or you are with the terrorists“ – ein Satz, der nur die Farben Schwarz und Weiß kannte und Anhänger abweichender Betrachtungsweisen mit sofortiger Wirkung zu Staatsfeinden erklärte. Am 11. September 2001 seien nicht nur die New Yorker, sondern die gesamten USA auf die Probe gestellt worden, legte Koch nach und schloss mit den feierlichen Worten: „We passed the test.“
Ein roter Mantel des Schweigens liegt über der hastenden Eile der Frau. Ich komme jedoch kaum zum Grübeln, denn jedes Mal, wenn die Zeichen auf Grün stehen, treibt sie mich atemlos von einer Kreuzung zur nächsten: An der Charles Street ist sie wieder die Erste, aber ich hole ohne Mühe auf, sobald die Anzeige auf Rot springt. Nervös streift sie eine Locke hinters Ohr, als eine Polizeisirene Richtung Hudson Street vorbeiprescht. Für einen Sekundenbruchteil treffen sich unsere Blicke, ein kaum merkliches Schmunzeln huscht über ihr Gesicht. Dann schaut sie wieder geradeaus.
IM GROßSTADTLÄRM
Während Koch die bestandene „Prüfung“ feierte, zeigten sich in meinem amerikanischen Traum unterdessen die ersten Haarrisse. „Falling out of love“ ist ein schöner Begriff für das, was ich erst Jahre später als Abschied auf Raten begriff. Hätte ich die Augen weit genug aufgemacht, hätte ich möglicherweise kommen sehen, wie sehr sich Amerika verändern sollte – und wäre vielleicht nicht auf den Gedanken verfallen, die Green Card zu beantragen. Vielleicht wollte ich auch einfach nicht wahrhaben, dass die Erinnerung an mein goldenes Jahr in Kalifornien längst Patina angesetzt hatte, und schloss die Augen vor der Gegenwart, um der Vergangenheit nicht beim Altern zusehen zu müssen.
Dass ein späterer US-Präsident einmal
George W. Bush an weltanschaulicher
Schlichtheit übertrumpfen sollte,
konnte sich damals noch niemand vorstellen.
Was auf 9/11 folgte, war eine Zeit verhängnisvoller Irrtümer. Es gab einen Irakkrieg, der sich auf Lügen gründete wie ein Wolkenkratzer auf Treibsand, daraufhin ein Erstarken des IS und einen endlosen Feldzug in Afghanistan, an dessen Ende die Taliban wieder genau in denselben Zelten Platz nahmen, aus denen man sie Jahre zuvor vertrieben hatte. Zu Hause begann man, den Rechtsstaat Stück für Stück abzutragen, als sei die Freiheit ein Luxusartikel aus dem Duty-free, den man sich in schlechten Zeiten nicht mehr gönnte. Amerika bediente sich nun aus dem Repertoire autoritärer Systeme. Schuldig war ab sofort, wer nicht das Gegenteil beweisen konnte. Die NSA sorgte dafür, dass nichts vergessen wurde.

Von der heftigen Reaktion auf den Terroranschlag bis hin zu den heutigen „alternativen Fakten“, die bald die politische Statik des Landes aus den Angeln heben sollten, waren es nur wenige Schritte. Trump war damals noch ein windiger Immobilienmann mit Hang zur Schlagzeile, ein laughing stock, den kein Mensch in der Stadt ernst nehmen konnte. Jahre später machte er die Behauptung zum festen Bestandteil seiner Wahlkampagne, er habe in New Jersey Tausende Menschen frenetisch jubeln sehen, als die Türme auf der anderen Seite des Hudson einstürzten. Es stellte sich heraus, dass er der einzige Augenzeuge dieses angeblichen Spektakels war.
Dass ein späterer US-Präsident einmal George W. Bush an weltanschaulicher Schlichtheit übertrumpfen sollte, konnte sich damals noch niemand vorstellen. „Doubleyou“ schien es nicht besser zu wissen, doch sein Nachfolger handelte aus bösartiger Willkür, die sich nicht an Tatsachen gebunden fühlte. Er verwandelte die Wahrheit in Ansichtssache – vor allem seine eigene. Sein Erfolg gibt ihm auf erschreckende Weise recht: In einer Weltordnung, die das Denken verlernt hat, bekommt recht, wer am unverschämtesten lügt.
Auch am Übergang zur Perry Street stürmt die Frau wie ein Rennauto mit Federwerk auf die andere Seite und hat mich binnen Sekunden abgehängt. Die Wollmütze wippt im Takt ihrer Schritte. Energisch reißt sie ihren Mantel um die Flaneure herum, die ihr im Weg stehen. Der entgegenkommende übergewichtige Dackel schafft es gerade noch, mit einem Satz zur Seite zu springen.
Als ich sie vor der Kreuzung zur 11th Street fast eingeholt habe, schneidet sie mit einem Mal eine scharfe Rechtskurve und verschwindet mit ein, zwei Riesenschritten im Laden mit der purpurfarbenen Markise. Im Kellerschacht wird gerade Mehl abgeladen. Eine Mutter und ihre kleine Tochter verputzen Cupcakes auf der grünen Bank.
Durch die Scheibe erkenne ich Cranberry-Muffins und Cheesecake. Ich sehe ihre verspiegelte Silhouette, die eine Bestellung aufgibt, während ich in der Umhängetasche nach meinen Gummibärchen greife und die Magnolia Bakery links liegen lasse. Der aromatische Duft von Hefeteig und Zimt hängt noch einen Häuserblock weit in der Luft. Sämtliche Bäume entlang der Straße blühen weiß um die Wette.

